Tibor Grasser

Tibor Grasser

Musik

Für mich liegt zwischen Blues, Boogie Woogie und Jazz deutlich weniger, als üblicherweise behauptet wird. Wenn ich heute Jazz, Blues oder Boogie spiele, schöpfe ich aus derselben Ideenwelt, die ab den 1930er Jahren entstanden ist. Die rechte Hand arbeitet mit ähnlichem rhythmischem und melodischem Material, Swing- und Bebop-Linien eingeschlossen, während die linke schlicht für Puls und harmonisches Fundament zuständig ist — in ganz unterschiedlicher Gestalt, je nach Stück und je nach Stimmung.

Wenn ich Pianisten wie Oscar Peterson, Jay McShann, Gene Harris, Red Garland oder auch stärker vom Bebop geprägte Spieler wie Tommy Flanagan höre, dann höre ich den Blues nicht als gelegentliches Zitat, sondern als den Boden, auf dem sie stehen. Auf vielen Aufnahmen spielen sie sehr jazzigen Blues — oder, wenn man so will, bluesigen Jazz — als einen Grundpfeiler ihres Spiels.

Das deutlichste Beispiel ist Jay McShann, bei dem all diese Traditionen ohnehin unmittelbar nebeneinander stehen: Aus seiner Kansas-City-Band kam Charlie Parker. Drei seiner Stücke stehen auf meinen beiden Platten. Diese Haltung hat meinen eigenen Weg vom Blues und Boogie zum Jazz geprägt.

Blues ist keine Vorstufe des Jazz und kein Seitenzweig, sondern eines seiner zentralen Elemente. Dass Jazz weiter und reicher ist und mehr Möglichkeiten bietet, macht den Blues nicht kleiner. Beides ist zur selben Zeit, im selben Schmelztiegel, aus denselben Quellen gewachsen.

Konkret klingt das derzeit nach viel Stride und Swing — Waller, Teddy Wilson, Nat Cole —, nach Blues und Boogie, etwas Gypsy Jazz und hier und da einer Prise Bebop.

Wo das herkommt, steht in der Biografie; wie es derzeit klingt, auf den Seiten Videos und CDs.